#SpecOps: Undercover in Nablus

Eines Morgens in Tel Aviv, ich versuchte gerade einen erstklassigen Kater auszuschlafen, klingelte mein Pager. Ich wurde für ein Level Vier Meeting einberufen, was so viel heißt wie dass sich alle Duvdevan Teams (israelische Undercover-Teams für Spezialoperationen des israelischen Militärs) umgehend zurück zur Basis begeben müssen. Es würde sich herausstellen, dass dies meine letzte größere Mission meiner Duvdevan Karriere werden sollte.

(Kapitel 21 aus dem Buch Brotherhood of Warriors von Aaron Cohen / Übersetzung PI NEWS. Publikation hier auf CYTAC mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers)

Vier Stunden später war der Planungsraum überfüllt und mit Zigarettenrauch durchwirbelt. Zoar saß am Kopf des Tisches neben Ilan, starrte auf die Details des Haftbefehls für den Terroristen und rechnete den Einsatzplan durch.

„Heute Abend haben wir die Möglichkeit, Abu Jihad zu schnappen“, sagte er. Ich schaute mich im Raum um – wir alle erkannten den nom-de-guerre, was so viel bedeutet wie „Vater des Heiligen Krieges“, den Hamas Drahtzieher hinter dem Bombenanschlag auf das Dizengoff Einkaufzentrum. „Der Shabbak hat seit Monaten von innen daran gearbeitet. Wir haben mehrere Chancen kommen und gehen sehen. Dieser Typ bewegt sich konstant von sicherem Haus zu sicherem Haus. So viel wir wissen, wird Abu Jihad an einer Hochzeit in Mishraim gleich außerhalb von Nablus sein. Wir werden ein kleines Team verdeckt in die Hochzeit einschleusen. Gleich nach der Zeremonie in der Empfangshalle werden wir ihn ausschalten.“

Ich würde als Mista’aravim (Undercover als Araber verkleidet) arbeiten, würde jedoch nicht in den Empfangsbereich der Hochzeit gehen. Ich würde mich als palästinensischer Zuckermais Verkäufer ausgeben und als eines der Augen-auf-das-Ziel agieren. Die Mission hatte eine solch hohe Priorität, dass das Kommando multiple und simultane Augen-auf-das-Ziel Bestätigungen angefordert hatte.

Es war eine riesige Operation, möglicherweise die komplexeste und am besten geplante während meiner ganzen Zeit mit Duvdevan. Annähernd vierzig Kämpfer waren Teil der Mission und wurden in vier Teams aufgeteilt. Zwanzig Männer würden verdeckt hin gehen, zwei in die Empfangshalle der Hochzeit, um sich dort als Freunde des Brautpaares auszugeben und der Rest läuft außen umher, um die Ankunft des Zieles zu bestätigen. Scharfschützen sichern auf den Dächern die Umgebung des Zielstandortes. Dazu werden ein Dutzend von verdeckten Wagen mit schwerer Bewaffnung im Perimeter auf den Straßen von Nablus ihre Kreise drehen.

Wir verbrachten Stunden im Planungsraum um über die Logistik zu gehen. Wir hatten Jungs im Inneren, die Tage zuvor die Zielräumlichkeiten begutachten konnten. Sie machten Fotos des Gebiets und Karten von den Straßen. Wir hatten sogar den Bauplan der Gemeinschaftshalle, wo man das Fest abhielt. Wir wussten, welche Türe Abu Jihad höchstwahrscheinlich als Eingang benützen würde. Das unberechenbarste Element war die Straße draußen. Ströme von Menschen würden konstant hinaus und hinein gehen, Autos kreuz und quer geparkt werden und könnten so unsere Sichtfelder sowie mögliche Fluchtrouten blockieren.

Es war eine verschworene Nachbarschaft, der Hamas aufs engste loyal, praktisch unmöglich für längere Zeit zu infiltrieren. Die informelle und unstrukturierte Natur des Hochzeitsempfangs – mehr eine gemeinschaftliche Feier für die Nachbarschaft als ein formelles Zusammenkommen mit Tischkarten und Einladungsliste – gab uns ein Zeitfenster der Möglichkeiten. Dieser Teil von Nablus war eine Brutstätte der Hamas Führung und Rekrutierung, in der sich diese vollkommen sicher fühlte. Wer würde die Dreistigkeit besitzen diese Hochzeitsparty zu „crashen“?

Sieben Uhr abends. Ich näherte mich meinen Zuckermais-Wagen den Häusermauern entlang schiebend, bekleidet mit einem leicht gestreiften Hemd, einer schwarz-grauen Hose und einem falschen, angeklebten Schnurrbart der Hochzeitshalle. Unsere Undercover-Jungs würden rund 60 Sekunden benötigen um rein zu laufen, einige Hände zu schütteln, Glückwünsche zu verteilen und dann Abu Jihad zu schnappen.

Meine primäre Rolle als eines der Auge-auf-das-Ziel würde das Bestätigen sein, dass Abu Jihad auch wirklich am Empfang aufgetaucht ist. Wir mussten sicherstellen, dass er es war, nicht irgendein Double das gleich aussieht oder ein Cousin mit großer Ähnlichkeit. Wir hatten ein paar Überwachungsfotos, die mit Hochleistungskameras und Supertele-Zoomobjektiv aufgenommen und messerscharf vergrößert wurden. Auf der Basis hatte ich die Fotografien stundenlang studiert und ich kannte jedes auszeichnende Merkmal Abu Jihads inklusive dem Muttermal über einer der Augenbrauen.

Ich rollte meinen Verkaufswagen in Position, klares Sichtfeld auf den Eingang der Empfangshalle. Meine Undercover-Tarnung war nicht gemacht um einer genauen Prüfung stand zu halten. Der Grund dafür, dass ich einen Zuckermais-Verkäufer spielte war, dass es eine gute Rolle war, da echte Verkäufer häufig wechseln und so eine seltene Entschuldigung für ein neues Gesicht in der Nachbarschaft bot. Aus dem selben Grund hatten wir auch ein paar verdeckte Einsatzkräfte, die Taxi fuhren, weil viele inoffizielle Wandertaxis in den Gebieten unterwegs sind.

Ich sah eines der passierenden Taxis. Der Fahrer war ein Duvdevan Mitglied und die Gäste auf dem Rücksitz waren ebenfalls unsere Einsatzkräfte. Für die nächsten 15 Minuten brachten unsere Taxifahrer ihre Gäste und nahmen neue Gäste auf, und ermöglichten so, eine zusätzliche Schicht an Augen-aufs-Ziel während alle die Nachbarschaft durchstreiften.

Mein Wagen hatte handgeschriebene Zeichen in Arabisch die meine Preise wiedergaben: Zuckermais für 50 Agurote, jeder Saft 1 Schekel. Der Wagen hatte auch eine Kamera für Livevideo, daher musste ich ihn vorsichtig positionieren, damit Bilder vom Haupteingang übertragen wurden. Für den Fall eines Feuergefechts hatte ich mir meine SIG auf den Rücken geklebt und der Boden des Wagens war mit Kevlar verkleidet. Umgedreht würde der Wagen damit Schutz als schussfeste Barrikade bieten.

A’salaam.

Ich sah hoch um einen Typen in meinem Alter zu erkennen, der mir eine 50 Agurote Münze gab. Ich gab ihm ein Pack Zuckermais. Da ich keine Konversation riskieren wollte, schaute ich weg. Glücklicherweise war dies der einzige Verkauf, den ich während der Mission machte.

Mein Knopf im Ohr saß am richtigen Platz. Unsere Instruktionen waren, alsbald wir bestätigen konnten, dass Abu Jihad sich in der Szene eingefunden hatte, doppelt zu klicken. Ich konnte Übertragungen von einem der umkreisenden weißen Savannah Wagen hören, in dem die Offiziere die Kameraübertragungen meines Zuckermais-Wagens sowie auch andere Videobilder, die von mehreren verdeckten Ermittlern und ihren Brieftaschen und Rucksäcke mit integrierten Kameras übertragen wurden, auswerteten.

Jedes einzelne Auge-auf-das-Ziel – es gab mehr als ein Dutzend in der unmittelbaren Umgebung – war instruiert, als Bestätigung der Sichtung von Abu Jihad, doppelt zu klicken, damit so keinerlei Möglichkeit der Falschidentifikation bestünde. Zoar und Ilan waren unerbittlich: Wir benötigen Doppel-Klicks von jedem, der als Auge-auf-das-Ziel arbeitet, bevor wir die Verhaftung initiieren. Würde sich einer von uns dazu entscheiden, die Sache abzublasen, hatte jeder von uns einen Knopf, der allen im Team einen hohen Ton sendet, damit diese wissen, dass die Mission abgebrochen wurde.

Mein Team war als zweiter Kordon bestimmt. Der erste Kordon war für die Sicherheit der zwei Einsatzkräfte verantwortlich, welche die Empfangshalle als Hochzeitsgäste betreten würden. Der zweite Kordon war für die Festnahmefahrzeuge verantwortlich – SUVs von der Duvdevan, Basis die eingesetzt werden, sobald Abu Jihad und seine Komplizen überwältigt wurden – während der dritte Kordon, etwa ein Kilometer weiter weg, aus schussfesten, grünen Militärfahrzeugen bestand die, für den Fall eines gewaltsamen Protestes oder einer massiven Schießerei in der Nachbarschaft, mit schweren Maschinengewehren ausgerüstet waren.

Ein älteres Modell eines Mercedes Sedan tauchte vor der Empfangshalle auf und parkte alles zu. Drei Männer mit offenen Hemden stiegen aus. Sie aller waren in ihren späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern, dunklem Teint, Schnurrbärten und gestutzten Bärten. Als sie den Eingang zur Empfangshalle erreichten, erkannte ich das Gesicht von Abu Jihad. Ich gab den Doppel-Klick.

Zoars Stimme kam schreiend in meinen Knopf im Ohr. „Bist du sicher? Ist jedermann sicher?“ Einer nach dem anderen klickten alle Augen-auf-das-Ziel doppelt.

Wenn jemand ein drittes Mal geklickt, oder Abu Jihad Angst bekommen hätte und flüchten wollte, hatten wir den Befehl unsere Tarnung aufzugeben und umgehend vom Mista’aravim in den Festnahmemodus zu wechseln.

Die zwei Offiziere, die man mit der Infiltration der Hochzeit betraut hatte, waren mit hunderten von Missionem unter ihren Gürteln Legenden in der Einheit. Abgebrüht und mit kühlem Kopf zögerten sie nicht und verfielen nicht in Panik.

Sie liefen direkt in die Empfangshalle und wir hörten den üblichen Austausch während sie einige Hände schüttelten, Glückwünsche verteilten und „A salaam alaykum“ sagten.

Boom – alles passierte innerhalb von sechs Sekunden. Ohne ihre Waffen zu ziehen packten die zwei Duvdevan Operators Abu Jihad und zogen ihn an seinen Ellbogen und Schultern aus der Hochzeitshalle. Er kämpfte, sein Gesicht eine Maske der Verwirrung, doch er hatte kaum Zeit zu schreien. In dem Moment, wo unsere Einsatzkräfte ihn ins Freie zerrten, setzte ein nicht lizenziertes Taxi mit drei weiteren Einsatzkräften von uns zu einem quietschenden Stopp an. Die Hecktür flog auf, Abu Jihad wurde hineingedrückt. Das Taxi machte einen flotten Abgang.

Alles war so schnell vorbei, dass alle in der Halle völlig gelähmt waren. Abu Jihad hatte keine ordentlichen Bodyguards, doch einer der Hochzeitsgäste stürmte nun wütend heraus und zog eine Pistole aus seinem Hosenbund. Er schwang die schwarze Handfeuerwaffe, doch bevor er einen Schuss abgeben konnte, hörte man krachendes Gewehrfeuer. Drei pfeifende Knalle. Er viel tot auf den Gehsteig.

Drei unserer Scharfschützen auf den Dächern trafen ihn mit beinahe simultanen Schüssen. Die Hochzeitsgäste strömten heraus auf die Straße, schrien, fuchtelten.

Allahu akbar! Allahu akbar!

Es war eine Szene völligen Durcheinanders. Menschen schrien, Frauen vielen zu Boden und trotzdem wusste noch niemand, aus welcher Richtung die Schüsse kamen, wie Abu Jihad so schnell vom Empfang entführt werden konnte oder wie dieser andere Gast verblutend auf dem Straßenboden endete.

Ich griff hinter mich um nach meiner SIG am Rücken zu fühlen. Es bestand jedoch kein Grund, diese jetzt zu ziehen. Die Mission war erfüllt. Ich konnte das Ende des Fluchttaxis, welches Abu Jihad transportierte, um die Ecken verschwinden sehen. So normal wie nur möglich stieß ich meinen Zuckermais-Wagen an und lief in Richtung des vorherbestimmten Rendezvous-Punktes, der einen Häuserblock weiter weg war.

Als ich dort ankam, hielt ein weiteres Undercover Taxi am Straßenrand. Ilan saß am Steuer, rauchte eine Zigarette, Funkgerät auf seinem Schoß. Enon saß auf dem Hintersitz und packte mich, als ich die Türe des bereits wieder rollenden Taxis öffnete, am Ellenbogen, um mich reinzuziehen.

Jetzt begann das Funkgerät von Ilan, mit weiteren brandheißen Nachrichten zu knattern. Zwei weitere gesuchte Hamas Terroristen wurden als Gäste in der Empfangshalle gesichtet.

Doch gab es kein Überraschungselement mehr. Die Arbeit von Duvdevan war getan. Der Befehl, zur Arbeit zu schreiten ging an den dritten Kordon. Die uniformierten Brigaden von Golani und Givati erhielten den Befehl, die beiden anderen gesuchten Männer zu schnappen.

Die geheime Mista’aravim-Mission war beendet; sie entwickelte sich nun in eine massive Demonstration militärischer Überlegenheit. Während Ilan das Undercover-Taxi ums Eck fuhr, beobachtete ich aus meinem Fenster, wie sich die Szene entwickelte: Mehr als 100 IDF Soldaten bezogen Position und die kugelsicheren, gepanzerten Wagen begannen zu rollen. Sie umstellten die Empfangshalle. Als wir Nablus verließen, sah die ganze Nachbarschaft aus, als stünde sie unter Belagerung.

Ich entschied mich, diesen Ausschnitt aus meinem Buch „Brotherhood of Warriors“ zu teilen, weil ich glaube, dass er ein paar sehr wichtige operationale Lektionen demonstriert.

Eine geschickte Einsatzkraft, welche die gegnerischen Nachbarschaften infiltrieren kann, ist sehr wahrscheinlich die wertvollste Antiterror-Waffe. Alle Soldaten sollten nach Meisterschaft in der lokalen Sprache, nach einem intimen Verständnis der örtlichen Kultur streben und einen fortgeschrittenen Sinn für das Lesen der Umgebung entwickeln. Ein Individuum, das nicht mit den Menschen kommunizieren kann, die es trifft, hat nur ein rudimentäres Verständnis der gebietsweisen Kultur und hat damit kein feingeschliffenes Bewusstsein, was für Counter-Terror und Counter-Insurgency Einsätze eine operationale Pflicht darstellt. Man ist so eine Gefahr für den operationalen Erfolg und für die Sicherheit (der Teamkollegen, Zuschauer und sich selbst).

Zum Schluss möchte ich noch anfügen, dass Panzerung, Technologie und die Distanzierung der Bevölkerung nicht die operationalen Fähigkeiten ersetzen. Diese trügerisch einladenden Fallen bieten weder operationale Effektivität noch die Sicherheit, welche sie vielleicht in einem konventionellen Krieg ermöglichen.

Der Antiterrorist muss die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen besitzen, um innerhalb der Bevölkerung zu arbeiten, im direkten Angesicht mit Gegnern und Freunden.

(Das Kapitel 21 des Buches „Brotherhood of Warriors: Behind Enemy Lines with a Commando in one of the World’s Most Elite Counterterrorism Units“ von Aaron Cohen (Ecco/HarperCollins, 2008) wurde unter dem Titel „Undercover in Nablus“ im „The Counter Terrorist“ (Juni/Juli 2010 Ausgabe) publiziert. Aaron Cohen ist Veteran der Israelischen Spezialeinheit Duvdevan. Diese Einheit schickt ihre Mitglieder als Araber verkleidet in die von Palästinensern kontrollierten Gebiete der West Bank, um dort Terroristen zu fassen oder aber die Hochburgen der Terroristen anzugreifen. Die Einheit war das Ergebnis der extrem gewalttätigen Intifadah, die 1987 zum Tode von über tausend Arabern und mehreren hundert Israelis führte. Nebst der Syeret Duvdevan oder „Kirsche“, die in der West Bank eingesetzt werden, gab es noch Syeret Shimshon, „Samson“, die bis zum vollständigen Rückzug aus dem Gazastreifen (der Vertrag von Oslo verbot die Präsenz von israelischem Militär im nun autonomen palästinensischen Gebiet) dort aktiv war und anschließend aufgelöst wurde. Nebst Syeret Mat’kal, einer militärischen Spezialeinheit für verdeckte Einsätze aller Art, gehören die Mista’aravim Einheiten heute wegen ihren (erfolgreichen) Taktiken und der engen Zusammenarbeit mit dem Shin Bet (General Security Service, Geheim- und Sicherheitsdienst GSS) zu den kontroversesten Einheiten Israels. Tag für Tag riskieren diese Soldaten ihr Leben in einem niemals enden Krieg um sich als Dank nicht nur im Angesicht der Waffe eines Gegners wiederzufinden, sondern auch von den Medien diffamiert und von vielen Politikern verachtet zu werden. Nach seiner Rückkehr nach Kalifornien gründete Aaron Cohen die IMS Security. Am Buch arbeitete als Co-Autor auch Douglas Century mit.

Wir möchten uns mit diesem Bericht wieder einmal (siehe hier oder hier und der Dank der IDF hier) bei der IDF für die unbeschreibliche Arbeit zu unser aller Schutz bedanken und wünschen allen weiterhin vom Guten nur das Beste. Shalom, Kol Tov ve Lehitraot.)




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